Starke Chamaeleon-Premiere aus dem Land, in dem Wörter etwas kosten
Südwest-Presse Horb 07.02.2017
von WILLY BERNHARDT

Fotos: Karl-Heinz Kuball
„Die großer Wörterfabrik“ der örtlichen Cchamäleon- Theaterwelten“ von Dorothee Jakubowski feierte am Samstag im Dettinger „Adler“ seine Premiere.
Am 9. Juli gibt’s das Stück nochmals Open Air beim „Fest der Kulturen“ in Schiltach.
Die Autorin Agnes de Lestrade hat mit „Die große Wörterfabrik“ ein außergewöhnliches Buch geschrieben, das inhaltlich Kinder genau so anspricht wie auch Erwachsene.
Die „Chamäleon-Theaterwelten“ hat sich nun in Form eines Theaterstücks des Buches angenommen, und schon bei der gut besuchten Premiere im „Adler“ zeichnete sich ab, dass „Die große Wörterfabrik“ein Highlight in der diesjährigen Theatersaison werden könnte. Das Zeug dazu hat es allemal, zumal die vier Rollen mit Rosa Maria Paz (eindrucksvoll) Julia und Katharina Wagner sowie Andreas Schnell ideal besetzt zu sein scheinen. Das Quartett verstand es über eine Dreiviertelstunde hinweg vorzüglich, diesem bezaubernden Buch über den Wert von Sprache und die Bedeutung von echten Gefühlen praktisch „Leben einzuhauchen“.
Präsentiert wurde eine fantastische Geschichte über das Verliebtsein, die aufgrund ihrer sanften Poesie auffällt und sich positiv abhebt. Und es ist eine Geschichte für Jung und Alt gleichermaßen.
Worum es darin geht? Paul hat Marie unendlich lieb. Er möchte zu gerne ausdrücken, was er für sie empfindet, hat aber lediglich die Wörter Kirsche, Staub und Stuhl gefangen. Paul lebt in einem Land, in dem die Menschen fast gar nicht reden, denn die Wörter, in den unterschiedlichen Sprachen, werden in einer großen Fabrik hergestellt und dann verkauft. Manchmal fliegen Wörter durch die Luft, die die Kinder dann mit ihren Schmetterlingsnetzen einfangen. Alle anderen Wege, sich Wörter unentgeltlich zu beschaffen, sind nicht besonders ergiebig. Beim Durchsuchen von Mülleimern etwa finden man lediglich Wörter wie „Hundekacka“ oder „Hasenpipi“ und im Sommerschlussverkauf sind die Wörter zwar billiger zu haben, aber oft auch so exotisch, dass man mit ihnen nichts anfangen kann. Kein Wunder, dass Paul traurig ist, denn er hat einen reichen Konkurrenten, der Marie zum Geburtstag die Wörter „Ich liebe dich von ganzem Herzen, meine Marie. Eines Tages, das weiß ich, werden wir heiraten“ schenken wird und viel mit ihr spricht. Paul selbst spricht nie, er lächelt nur. Dann nimmt er allen Mut zusammen, holt tief Luft und spricht seine drei Wörter mit all der Liebe für Marie in seinem Herzen. Marie selbst hat keine Wörter zum Antworten, schenkt Paul jedoch einen sanften Kuss auf die Wange. Da fällt Paul ein, dass er noch ein Wort besitzt, das er sich für einen ganz besonderen Moment aufgehoben hat. Er sieht Marie tief in die Augen und sagt „Nochmal“.
Eine Geschichte, die beinahe poetisch ist. Sie kommt leise und trotzdem kindgerecht daher. Auch die Farbgebung durch die Kulissen und die jeweilige Kleidung des Schauspiel-Quartetts passt sich ideal hierzu an – in einem Land, in dem Reden teuer ist und Menschen sich deshalb kaum mitteilen können. Dominieren anfangs die Farben beige, braun und schwarz und korrespondieren damit trefflich zur Stimmung in diesem Land. Die Kinder bilden den einzigen Lichtblick im Dunkel. Das Stück berührt auch deshalb, weil wir viel zu häufig durch viele Worte und leere Versprechungen getäuscht werden und echte Gefühle auf der Strecke bleiben. Kinder können es nachvollziehen, wie schwierig es für Paul war, dieses „nochmal“ so lange zu bewahren. Aber sie erkennen auch sehr schnell, dass es zum absolut richtigen Zeitpunkt von ihm hervorgeholt wurde.
wib/Bilder: Kuball

